Julia Hülsmann

Julia Hülsmann

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JULIA HÜLSMANN    piano

MARC MUELLBAUER   double bass

HEINRICH KÖBBERLING   drums

und:

TOM ARTHURS   trumpet, flugelhorn

featuring:

THEO BLECKMANN vocal

PREISTRÄGERIN DES SWR-JAZZPREISES 2016

Julia Hülsmann und ihr Trio sind aus dem deutschen Jazz nicht wegzudenken: seit nunmehr 17 Jahren gibt es diese Formation, und sie hat Eindrücke hinterlassen. Und den zeitgenössischen Jazz dieses Landes geprägt. Die enorme Bandbreite des Trios um die Pianistin, Marc Muellbauer (bass) und Heinrich Köbberling (drums) ist beeindruckend, und dennoch ist sein Stil unverkennbar: essentiell, verdichtet und dabei herrlich offen. Nach dem großen Erfolg von „The End Of A Summer“ (ECM, 2008) veröffentlichte das Trio drei Jahre später die nächste CD:

„Imprint“ (ECM, 2011) manifestiert den Charakter des Trios und zeigt eine große Intensität und Deutlichkeit. Die Töne singen und sitzen, genau so und nicht anders; und die Musik ist auf ihre Essenz entspannt, ohne auf intensive und treibende Grooves zu verzichten.

Mit ihrem sechsten ECM-Album „Sooner And Later“ , veröffentlicht im Februar 2017, kehrt Julia Hülsmann nach zwischenzeitlichen Veröffentlichungen mit ihrem Quartett und Quintett zum Trio-Format zurück. Doch Julia Hülsmann weist darauf hin, dass ihre beiden langjährigen Partner im Trio, Bassist Marc Muellbauer und Schlagzeuger Heinrich Köbberling, in die meisten dieser Aktivitäten eingebunden waren. Zudem unternahm das Julia Hülsmann Trio zwischendrin immer wieder weite Reisen – etwa in die USA, nach Kanada, Peru, Zentralasien und China – „da hat sich bei uns etwas verändert. Auf Reisen gewinnt man ja ohnehin häufig neue Perspektiven, und auch unter langjährigen Vertrauten erlebt man sich gegenseitig nochmal anders. Das hat uns geholfen, musikalisch nochmal auf eine neue Ebene zu kommen.“

Sooner And Later wurde im September 2016 im Rainbow Studio in Oslo aufgenommen und von Manfred Eicher produziert. 

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Das durch zahlreiche Konzerte – nicht nur in Deutschland sondern weltweit –  bestens aufeinander eingespielte Trio präsentiert sich seit der CD-Veröffentlichung In Full View“ (ECM, 2013) als Quartett. Aus dem Wunsch nach kreativer Weiterentwicklung heraus dachte Julia Hülsmann über ein Projekt mit einer Sängerin und einem weiteren Melodieinstrument, aber ohne Bass und Schlagzeug nach. Doch nach dem Besuch in einem Konzert des in Berlin lebenden, englischen Trompeters Tom Arthurs änderte sie ihre Pläne. Und so wurde aus dem Julia Hülsmann Trio das Julia Hülsmann Quartett – mit einer starken neuen Stimme, denn Neuzugang Tom Arthurs nimmt in der nun erweiterten Formation eine prominente Rolle ein. Sein Spiel ist von solch lyrischer Strahlkraft und melodischer Authentizität, dass er einerseits den Bandsound um hundert neue Farben erweitert und andererseits das Gefühl hinterlässt, er wäre schon immer dabei gewesen. Akkorde werden breiter, Melodien gedoppelt und Klänge verschmolzen, und das alles in dieser so typischen Klarheit und Transparenz, wie sie Julia Hülsmann in Perfektion beherrscht.

Julia Huelsmann Quartett-filtered

Im Rahmen des Kurt-Weill-Fest Dessau 2013 entstand ein ganz besonderes Projekt: die „Lyrikerin des deutschen Jazz“ (DIE ZEIT) brachte dort bisher unbeachtete Werke Kurt Weills auf die Bühne und legte damit den Stein für ihr fünftes ECM-Album, „A Clear Midnight – Kurt Weill and America“.
Gemeinsam mit ihrem Quartett macht sie damit für uns Ungesungenes hörbar und kehrt diejenigen Facetten Weills hervor, die bisher unentdeckt geblieben sind.
Besingen lässt sie ihre Entdeckungen – und passender könnte ihre Wahl nur schwer ausfallen – vom Grammy-Nominierten und Echo-Gewinner Theo Bleckmann. Um den außergewöhnlichen Stil dieses Mad Genius zu beschreiben, muss die internationale Presse immer wieder auf Vokabeln des Übersinnlichen zurückgreifen: von „magical and futuristic“ (AllAboutJazz), „limitless“ (Citypaper, Philadelphia) und „transcendent“ (Village Voice) ist hier die Rede, und die New York Times resümiert demütig: „from another planet“.

Zum Klingen bringt diese neue Formation die bisher unbekannten Werke Kurt Weills, darunter „Little Tin God“ und „Your technique“, gemeinsam mit ein paar der prominenten Kompositionen wie „Mack The Knife“, „Speak low“ und „September Song“.
Weills Musik ist im Laufe der Jahre auf vielfältigste Weise interpretiert worden, doch die Jazzband ist und bleibt ein besonders passender Kontext. Der in Deutschland geborene Komponist, der später die US-Staatsbürgerschaft annahm und zu einem der leidenschaftlichsten Verfechter amerikanischer Verfassungsrechte wurde, pries Jazz als „Rhythmus unserer Zeit“ und „internationale Volksmusik von breitester Auswirkung“. In Hülsmanns Quartett und in Sänger Bleckmann erhält er deutsche Interpreten, die seinen Blick für das allumfassende Potenzial der Musik teilen und in ihr die Freiheit finden, sie selbst zu sein – was beinhaltet, statt Weills Vertonung von Whitmans „Beat! Beat! Drums“ eine aus eigener Feder zu wählen.

Im Zusammenspiel dieser Künstler wird also nicht nur ein altes Erbe wiederentdeckt sein, sondern die eigens arrangierten Stücke sind das Klangergebnis eines Aufeinandertreffens, das die erfahrene Vielseitigkeit dieser Musiker auf Höhe unserer Zeit widerspiegelt. So hüllt in dieser ebenso frischen wie tief gehenden Begegnung das Quintett in unaufdringlicher Gekonntheit die alten Kompositionen in ein neues, schmeichelndes Gewand aus Eigensinnigkeit.

Purer, fließender Jazz, auf dem der Gesang thront:
seien wir so vermessen und behaupten wir, Kurt Weill hätte seine Freude daran.

Julia Theo 1 (Volker Beushausen)web

Für das Deutsche Jazzfestival in Frankfurt 2016 nahm Julia Hülsmann eine große Herausforderung an, nämlich die, Songs der Beatles neu zu interpretieren.
Bei ihr mischten sich in die Freude über den Vorschlag aus Frankfurt – „ich bin schon immer Beatles-Fan gewesen und mit ihrer Musik groß geworden“ – auch gleich die Bedenken, ob das nicht schon zu oft versucht worden wäre und ob die Originale nicht zu stark seien. In der Tat haben sich viele Jazzmusiker an diesem Kanon abgearbeitet, ohne den richtigen Zugang zu finden. Oft verschwand die Vorlage unter der Last harmonischer Abstraktion oder virtuoser Improvisation und oft blieb auch die swingende Aneignung weit hinter dem kreativen Genius des Originals zurück. Bei Hülsmann ist weder das Eine noch das Andere zu befürchten. „Lieber als sich selbst inszeniert sie andere“, bemerkte Peter Rüedi einmal in der ZEIT.

Für das Beatles-Projekt wählte Julia Hülsmann zu ihrem bewährten Trio als Sänger wieder Theo Bleckmann – sie glaubt, „Theo ist einer, der die Songs der Beatles neu singen kann.“
Die für ein Beatles-Projekt irgendwie doch unverzichtbaren Gitarrensounds liefert Ben Monder. Der feinsinnige New Yorker mit seiner delikaten Klangsprache zwischen „electric bebop“ und ätherischen Klangflächen hat nicht nur Jazzstars wie Paul Motian oder Lee Konitz begleitet, sondern auch die Gitarrenparts zu David Bowies Album „Blackstar“ beigesteuert und bildet schon lange mit Theo Bleckmann ein kreatives Tandem.

Mit diesem erlesenen Team bringt Julia Hüsmann die Songs der Beatles aus der Perspektive des heutigen Jazz neu zum Leuchten und sorgt für eine „musikalisch-poetische Sternstunde mit einem lyrischen Ausdruck, wie man ihn selten erlebt. (…) Ihre Arrangements zielen auf den emotionalen Gehalt, die Atmosphäre, den Gestus dieser Musik. Man meinte, zu spüren, wie die Klangquellen aus dem Klavier, der Gitarre und vom variablen Gesang die Songs in einen neuen Aggregatzustand verwandeln. Aus den Wassermolekülen der Lieder entwich Dampf, der sich zu einer Klangwolke verdichtete. Wolke sieben: Mehr geht nicht.“ (Wolfgang Sandner über das Konzert i.R.d. Deutschen Jazzfestivals Frankfurt 2016, FAZ)

Beatles Projekt JH Frankfurt 29.10.16

copyright hr/Sasha Rheker

Julia Hülsmann begann im Alter von elf Jahren mit dem Klavierspiel und formierte mit 16 Jahren ihre erste Band. 1991 zog sie nach Berlin, wo sie im Bundesjugendjazzorchester unter Peter Herbolzheimer spielte. Nach ihrem Studienabschluß an der Hochschule der Künste Berlin gründete sie 1996 das Julia Hülsmann Trio. Seit vielen Jahren arbeitet sie mit Worten und spürt in Zusammenarbeit mit Sängern wie Rebekka Bakken oder Roger Cicero die darin verborgene Musik auf.

Julia Hülsmann ist vielseitig engagiert und war 2014 „Improviser in Residence“ in Moers.

Theo Bleckmann ist multidisziplinär in Perspektive und Erfahrung. Mit A Clear Midnight gab er sein ECM-Debüt in einem Jazzkontext. Seit 1989 lebt er in New York, wo er schon früh von der großen Jazzsängerin Sheila Jordan gefördert wurde. Seine sängerische Bandbreite reicht von Charles Ives über Kate-Bush Songs bis hin zu Shakespeare-Sonetten und Projekten mit Improvisatoren aller Idiome. Im Juni 2015 trat er als „Artist in Residence“ im New Yorker „The Stone“ in verschiedenen Besetzungen auf, unter anderem mit dem Hülsmann Quartett.

Bassist Marc Muellbauer leitet seine eigene neunköpfige Band Kaleidoscope und hat ein eigenes Trio (siehe Wood & Steel Trio). Sein musikalischer Background reicht von Neuer Musik bis zum argentinischen Tango, er ist außerdem in einer Reihe von weiteren Jazzbands als Sideman aktiv, darunter das Lisbeth Quartett und das Uli Kempdendorff Quartett. Muellbauer lehrt Kontrabass am Jazz-Institut Berlin.

Schlagzeuger Heinrich Köbberling hat mit Aki Takase, Ernie Watts, Anat Fort, Richie Beirach und vielen anderen gearbeitet und ist auf rund 50 Jazzaufnahmen zu hören. Auf seinem eigenen Album „Pieces“ (1997) begleiteten ihn u.a. Marc Johnson und Ben Monder. Köbberling lehrt Schlagzeug an der Hochschule für Musik und Theater Felix Mendelssohn Bartholdy in Leipzig.

Der 1962 in New York geborene Jazzgitarrist Ben Monder studierte an der University of Miami und am Queens College und lebt in New York, wo er mit unzähligen bekannten Musikern auftrat. Er hat als Sideman bei über 130 CD-Produktionen mitgewirkt und sechs unter eigenem Namen herausgebracht. 2014 wurde er mit dem Doris Duke Artist Award ausgezeichnet.  Ben Monder spielte Gitarre auf David Bowie´s letztem Album „Blankstar“, welches 2016 veröffentlicht wurde.

Der Trompeter, Flügelhornist und Komponist Tom Arthurs studierte bei Dave Douglas, Joe Lovano und Jim Black am Banff Centre for the Arts in Kanada. Er beschäftigt sich sowohl mit umfangreichen Auftragskompositionen für Orchester als auch mit Jazz und experimenteller improvisierter Musik. Als künstlerische Einflüsse nennt er unter anderem György Ligeti und die Filmregisseure Andrei Tarkovsky und Jean-Luc Godard. Er hat mit Musikern  wie John Surman, John Taylor, Ingrid Laubrock, Jack DeJohnette, Kenny Wheeler und der Elektronikgruppe Icarus gearbeitet.

Die Begegnung mit dem Sänger Theo Bleckmann, dessen verhaltener Gesang in dem Weill-Projekt wie ein Spiegel wirkt für Julia Hülsmanns eigene musikalische Vorgehensweise, gibt ihrer Musik noch einmal klarere Konturen. Bleckmann, ein virtuoser Stimmkünstler an den Schnittpunkten zwischen Pop und Performance, Jazz und Improvisation, neuer Musik und Filmmusik versteht es, in das musikalische Gewebe zurückzutreten und nicht mehr vom Vordergrund zu beanspruchen als nötig – ein weiterer Prototyp dieser Art von improvisatorischer Kommunikation. Je weniger die einzelnen Musiker den Platz an der Rampe für sich beanspruchen, desto klarer wird, dass ihre Kunst der Zurückhaltung ein besonders perfides Mittel ist, den Hörer immer tiefer in die Welt dieser Musik hineinzuziehen.

Stefan Hentz, DIE ZEIT

Aber man konnte im Programm schon ein gewisses Plus an „Give and take“-Passagen ausmachen – ganz besonders bei dem glänzenden Auftritt von Julia Hülsmann. „An das Licht, das durch die Blätter der Bäume scheint“ heißt eine ihrer Kompositionen. Die Bandbreite ihres mit zwei Bläsern und Rhythmusgruppe besetzten Ensembles reicht von solcherart spätromantischen Impressionen über kontrapunktische V erarbeitungen bis hin zu kaum zu bändigender tänzerischer Bewegungslust und zum Free Jazz – ein würdiger Auftakt der Konzerte im Haus der Berliner Festspiele.

Ulrich Olshausen, FAZ 11/16

Wie man mit geschichtsträchtigen, man könnte auch sagen: solchen wie mit der Erbsünde belasteten Klängen angemessen umgeht, (…) (Anm.:hat man) bei Julia Hülsmann studieren können, die mit ihrem Trio und Gästen ebenfalls Beatles-Songs neu arrangiert hat. Es war eine musikalisch-poetische Sternstunde, mit einem lyrischen Ausdruck, wie man ihn selten erlebt. Die Pianistin Julia Hülsmann hat mit dem schlafwandlerisch sicheren, mondtrunkenen Sänger Theo Bleckmann und dem sensibel-introvertierten Gitarristen Ben Monder nicht die glänzenden Songhüllen der Beatles vertont. Ihre Arrangements zielen auf den emotionalen Gehalt, die Atmosphäre, den Gestus dieser Musik. Man meinte, zu spüren, wie die Klangquellen aus dem Klavier, der Gitarre und vom variablen Gesang die Songs in einen neuen Aggregatzustand verwandeln. Aus den Wassermolekülen der Lieder entwich Dampf, der sich zu einer Klangwolke verdichtete. Wolke sieben: Mehr geht nicht.

Wolfgang Sandner, FAZ 10/16

Julia Hülsmann ist als Pianistin und Komponistin eine Lyrikerin. Sie sucht die knappe Form mit langem Nachhall, nicht die große erzählerische Geste. Dabei scheut sie jede Art von Tiefenschwindel. Vor Popsongs schreckt sie keineswegs zurück, auf ihrer jüngsten CD interpretiert sie neben sechs eigenen und drei Titeln ihrer Partner auch einen solchen, Seals Kiss From A Rose. Er klingt wie von ihr erfunden – und ihre Originale klingen wie Standards. (…) Atem, Raum, Sparsamkeit sind überhaupt Stichworte für ihre Musik. Durchsichtigkeit der Interaktion im Kollektiv. (…) Hülsmann lässt sich von Gefühlen nicht um den Verstand bringen, aber sie lässt sie zu, sozusagen als Korrektiv ihres Hangs zum transparenten Konstruktivismus. Gefühle, zuweilen auch melancholisch eingedunkelte. Nicht: Sentimentalitäten.“

   PETER RÜEDI, DIE ZEIT

Der Pianistin Julia Hülsmann gelingt auch auf ihrer zweiten CD für ECM das Kunststück, das Schöne und Schlichte mit dem Sinn für Klangfarben und Nuancen intelligent zu vereinen. Nicht um verblüffende Technik und Schnelligkeit ist ihr zu tun, sie überzeugt durch klangschönen Ausdruck und subtile Differenzen. (…) Und selbst in stärker groovebetonten Titeln fühlt man sich eher an entspanntes Schweben als an bodenständige Bewegung erinnert.

    HERIBERT ICKEROTT, JAZZPODIUM