Nils Wogram

NILS WOGRAM   trombone

Root 70

with

HAYDEN CHRISHOLM   alto saxophone

MATT PENMAN   bass

JOCHEN RÜCKERT   drums

 

Nils Wogram & Bojan Z

with

BOJAN Z   piano

Nils_Wogram(by_Ayse_Yavas)_kl

Nostalgia

with

ARNO KRIJGER  hammond, pedals

DEJAN TERZIC  drums

Septett

with

CLAUDIO PUNTIN  clarinet

TILMAN EHRHORN  tenor sax

STEPHAN MEINBERG  trumpet

STEFFEN SCHORN  bass clarinet

FRANK SPEER  alto sax

JOHN SCHRÖDER  drums

Nils Wogram – das darf ohne Übertreibung gesagt werden – ist einer der meistbeachtetsten Jazzposaunisten in Europa. Preisgekrönt (u.a. SWR Jazzpreis, Deutscher Jazzpreis), von Publikum und Presse gefeiert und seit vielen Jahren mit einem so großen kreativem Output, dass einem schwindelig werden kann, steht Nils Wogram für atemberaubende Technik, kombiniert mit einem unvergleichlich weichen, lyrischen Ton – und hat dabei ein starkes kompositorisches Profil. All diese Superlative finden ihr langes Echo im down-to-earth-Denken des Musikers: langfristige Zusammenarbeit mit seinen Mitmusikern, die oftmals enge Freunde sind, ist für ihn der Brunnen, aus dem er schöpft und gibt ihm den Rahmen und gleichzeitig die Freiheit, sich immer weiter zu entwickeln und auf dieser gemeinsamen Reise eine eigene musikalische Sprache zu finden, wie sie eben nur langjährige working bands entwickeln können. Root 70 ist dafür das beste Beispiel: seit 2000 bestehend, hat das Quartett aus vier absoluten Individualisten einen unverwechselbaren Bandsound und musikalischen Stil entwickelt, der Tradition und Innovation gleichermaßen berücksichtigt, und nimmt dabei nach wie vor mit unbändiger Spielfreude gefangen – und ein Ende der Reise ist nicht abzusehen.  

Wolf Kampmann über das aktuelle Album von Root 70, „Luxury Habits“:

Jede Ära fordert ihre eigene Musik. Ein gutes Album muss die Zeit nicht kommentieren, um sie trotzdem reflektieren zu können. Mit „Luxury Habits“ gibt Nils Wogram unserem Zeitalter präzise den Soundtrack, den sie braucht.

Nils Wogram hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass bei ihm zuerst das Leben kommt und dann die Musik. Ein Füllhorn, von dem seine Musik immer wieder aufs Neue profitiert, was ihm Zulauf weit über das Jazzlager hinaus einbringt. Allein, dass er mit seiner Band Root 70 seit nunmehr 18 Jahren in unveränderter Besetzung zusammenspielt, veranschaulicht, dass ihm das persönlich Menschliche in seinen Projekten mindestens ebenso wichtig ist wie das rein Musikalische. Das neue Album von Root 70 demonstriert einmal mehr, wie gut diese Rechnung, die im Grunde genommen gar keine ist, sondern einfach nur Ausdruck eines gesunden Lebensgefühls, aufgeht.

Die Zeiten ändern sich, und mit ihnen die Themen und das Credo eines jeden Künstlers, sofern seine Antennen auf Empfang bleiben. Schon die ersten Takte des Openers von „Luxury Habits“ kündigen eine andere Gangart von Root 70 an. Über der neuen CD könnte das Motto stehen: Schluss mit Lustig. Noch nie klang die Band so ernst. Wobei mit Ernst nicht die konzeptionelle Kopflastigkeit von Teilen des zeitgenössischen Jazz gemeint ist, sondern die Ernsthaftigkeit, mit der ein Anliegen vorgebracht wird, und die Tiefe, mit der die Intentionen von vier Musikern verschmelzen. Dabei lag der Musik auf „Luxury Habits“ nicht einmal ein Konzept zugrunde. Im Gegenteil, anders als auf den letzten Platten von Root 70 wollte Wogram mal im konzeptfreien Raum das tun, was ein Jazzmusiker am liebsten tut – einfach spielen. 

Kein Konzept kann in diesem Fall jedoch ein umso stärkeres Konzept sein, oder um es in den Worten von Nils Wogram zu sagen: „Konzepte machen mir Spaß und bringen mir viel. Sie schränken mich aber auch ein. Das ist ja der Sinn von Konzepten. Wenn man längere Zeit konzeptionell gearbeitet hat und sich dann einmal nicht auf ein Konzept fokussieren will, treten viele Dinge zutage, die man gar nicht vorsätzlich als Konzept zusammenfassen würde.“ Es geht dabei nicht um parolenhafte 1:1-Übersetzungen von Themen, mit denen sich Wogram und seine Kompagnons Hayden Chisholm, Matt Penman und Jochen Rueckert beschäftigen. Aber Songtitel wie „Party Anxiety“, „Luxury Habits“, „Rich Kid“, „Flattery Is The Strongest Weapon“, “Starting From Zero” oder “Rehearsing The Future” lesen sich wie subtile Kommentare zur Zeit und verraten viel über die Haltung der Musiker.

root_70_martin_von_mauschwitz_kl

Wogram lässt sich Zeit auf seiner neuen Platte. Viel Zeit. Freilich ist Zeit ein ungeheuer kostbares Gut, und doch haben die vier Musiker überhaupt keine Eile, wenn es darum geht, die ihnen zur Verfügung stehende Abfolge von ausgedehnten Augenblicken zu genießen und den Hörer an diesem Genuss teilhaben zu lassen. Wenn man keine Zeit mehr hat, dann gehe die Reflexionsebene verloren, meint Wogram, und dann habe man über kurz oder lang auch nichts mehr zu sagen. Ernsthaftigkeit ist bei Root 70 ein Synonym für einen sehr bewussten Umgang mit Zeit. Es ist die Antithese zur Messbarkeit in Leistungseinheiten. Hier geht es um nicht weniger als eine Auflösung von Zeit in individuelle variable Gestaltungseinheiten von Leben in all seinen Facetten.

Wogram, Chisholm, Penman und Rueckert verbindet die Gabe, sich selbst zu hinterfragen. Individuell und als Band, was in diesem Fall auf einen engen Freundeskreis hinausläuft. „Das Album ist aus einer Dynamik der Band entstanden“, so Wogram. „Wir haben uns intensiv über die Konzepte der letzten Jahre unterhalten und waren uns einig, dass wir wieder mal ein wenig mehr ins Risiko gehen wollten. Wir brauchten eine neue Herausforderung.“

Das kollektive Risiko der präzisen Unschärfe – ein rares Gut in einer beginnenden Epoche, die sich so gern als postfaktisch titulieren lässt. Root 70 lehnen sich weit aus dem Fenster. Antworten haben wir genug. Root 70 sind vier Individualisten, die zu einer untrennbaren Identität verschmelzen und in ihrer Musik einmal mehr die richtigen Fragen stellen.

stern_gr

 

Dass Wogram ausgerechnet das Instrument Albert Mangelsdorffs, die Posaune, mit einer Virutosität beherrscht und einer Tollkühnheit einsetzt wie weltweit kaum ein Zweiter seiner Generation, trägt zu seinem Ruf bei, der Wegbereiter des aktuellen zeitgenössischen Jazz „Made in Germany“ zu sein. Dabei geht sein Trio Nostalgia den umgekehrten Weg: zurück zum swingenden und groovenden Jazzgefühl der 50er und 60er Jahre des letzten Jahrhunderts, als der Jazz noch bei Blue Note oder in der 52sten Straße zuhause war, wobei es die Gradwanderung zwischen nostalischem Retro-Sound und dem neugiereigen Austesten der eigenen Klanggebilde bravourös meistert. 

Mehr denn je ist auf dem aktuellen Album des Trios, „Nature“, ein grundehrliches, unverstelltes Pathos zu hören. „Im Jazz geht es ja oft darum, wer besser spielen kann und die hipperen Ideen hat“, findet Wogram. „Ich wollte einfach mal ein Album ohne all das machen, weil ich darauf gerade Lust hatte. Das heißt ja nicht, dass man sich später nicht wieder komplexeren Ideen widmen kann. Aber jetzt musste genau das heraus.“ Wogram gelingt es, auf dem kürzest möglichen Weg ein authentisches Lebensgefühl zu vermitteln – er geht einfach los und nimmt den Hörer mit. Nostalgia trägt eine kolossale Lebenswucht zum Hörer. 

Anders als die meisten anderen Jazzorganisten, die den Bass mit der linken Hand verwalten, spielt Arno Krijger den Bass mit Füssen. Bei den meisten Orgeltrios übernimmt der Gitarrist die Akkordfunktion, wenn der Organist solo spielt. Mangels eines Gitarristen geht das bei Nostalgia nicht. Da Krijger den Bass aber per pedes spielt, übernimmt der mit der linken Hand die Akkorde und mit der rechten Melodien und Improvisationen. Auf dieser Grundlage kann Wogram die Stücke anders bauen. An Krijger schätzt er aber noch eine andere Eigenschaft. „Arno ist kein Orgel spielender Pianist, sondern spielt ausschließlich Orgel. Sein Selbstverständnis verleiht der Orgel klangliche Nuancen, die einen absoluten inhaltlichen Gewinn darstellen.“

Nostalgia_by_MoonMediaProductions_-9_kl

An Schlagzeuger Dejan Terzic schätzt Wogram nicht nur das intuitive Gespür für Beat, Groove und Feuer, sondern vor allem auch sein Feingefühl für Dynamik und Form. „Wenn ich rhythmische Sachen mit ihm zusammen spiele, muss ich mich auf nichts konzentrieren, sondern kann einfach drauf los spielen. Ich habe ja gerade deshalb ein Orgeltrio gegründet, weil Orgel und Schlagzeug zusammen so einen tiefen Groove entwickeln.“

In den letzten Jahren hat Nils Wogram viele abstrakte Ding geschrieben und aufgenommen. Mit Nostalgia kehrt er auf „Nature“ zu einem sehr physischen Klangempfinden zurück. Er zieht die Kraft direkt aus dem Boden und gibt sie über sein Instrument und den gesamten Bandsound wieder an die Atmosphäre ab.

stern_gr

 

Zwei Mann, ein Wort! Manche Geschichten schreiben sich von selbst. Sie sind unausweichlich, müssen geschrieben werden, aus dem ganz einfachen Grund, dass sie sonst ungeschrieben blieben. Und das geht nicht. Eine solche Geschichte ist das Duo des in Frankreich lebenden serbischen Pianisten Bojan Zulfikarpasic, kurz Bojan Z., und des in der Schweiz lebenden deutschen Posaunisten Nils Wogram. Europa im Quadrat, ja, aber doch viel mehr als nur das. 

Als die beiden Musiker anlässlich des Festivals Jazzdor Straßburg Berlin anno 2012 erstmals gemeinsam auf der auf der Bühne standen, war das von einer erschütternden Selbstverständlichkeit. Da waren zwei Musiker, die intuitiv eine gemeinsame Erzählebene gefunden hatten, nicht weil sie sich darum hätten bemühen müssen, sondern weil diese Spielwiese einfach da war. Es klingt so platt zu sagen, sie hätten einander gesucht und gefunden, doch genau so war es. Wenn jemals zwei Musiker tatsächlich den Augenblick gespielt haben, ohne Konzept, Ambitionen und sonstigen Firlefanz, sondern um sich und dem Publikum so unprätentiös wie möglich zu erzählen, was sie sich genau in diesem Augenblick zu erzählen hatten, dann sind es diese beiden. 

Wer diese Begegnung hatte erleben dürfen, zweifelte keinen Augenblick daran, dass ihr früher oder später die Produktion eines Albums folgen müsse. Er sollten noch einmal vier Jahre vergehen bis zum Erscheinen von „Housewarming“. Das Zusammenspiel der beiden funktioniert immer noch wie eine Sammlung von Geschichten, die sich auf höherer Ebene zu einem Roman verdichten. Wogram und Zulfikarpasic haben sich eine Detailschärfe angeeignet, die nicht nur vergessen macht, welcher Impuls jeweils von Klavier und Posaune ausgeht, sondern in deren lustvoller Logik sich Prinzipen wie Improvisation und Komposition aufheben. In letzter Konsequenz ist alles komponiert, nur – um bei Wograms Fußballvergleich zu bleiben – die Laufwege zur jeweiligen Komposition sind höchst unterschiedlich. 

NW_BojanZ_by_Corinne_Haechler

Mal wird volley aus dem Spiel komponiert, ein andermal sind es einstudierte Standardsituationen, die von den beiden Musikern und Komponisten sorgfältig vorbereitet worden sind. Eine gelungene Erfindung fragt am Ende nicht mehr nach dem Weg. Wogram spricht von speziellen Momenten, die man ad hoc nicht auf die Beine stellen könnte. Gemeinsam überblicken sie ein Panorama, dessen Horizont weit über das Musikalische hinausgeht. Gerade deshalb gelingt es ihnen so gut, als Spielerpersönlichkeiten hinter ihre Stücke zurückzutreten und einfach zu erzählen. 

„Auch in konventionellen Spielsituationen findet er immer Magie“, beschreibt Wogram den Ansatz seines Duo- Partners. „Wahrscheinlich liegt das einfach in seiner Persönlichkeit.“ Auch diese Beobachtung gibt Zulfikarpasic fast wörtlich an Wogram zurück. Nur in einem Punkt unterscheiden sich die beiden aus der Sicht des Pianisten. „Nils war unglaublich gut vorbereitet. Ich hingegen habe alles auf den letzten Drücker geliefert. In dieser Hinsicht ist er eben so Deutsch, und ich bin so Balkan.“ Gut, dass es also auch noch Unterschiede gibt. Zu hören sind sie auf „Housewarming“ allerdings nicht. 

stern_gr

 

Nils Wogram ist ein Meister der kleinen Formate. Duos, Trio und Quartette sind seine Domäne, doch vor elf Jahren hat er mit der CD „Odd And Awkward“ schon einmal bewiesen, dass er auch im Sextett und Oktett einiges zu erzählen hat. Schon damals war der Multi-Ree-Bläser Steffen Schorn mit an Bord. Der ist auch auf Wograms CD „Complete Soul“, diesmal im Septett eingespielt, wieder dabei. Außerdem geben sich Klarinettist Claudio Putin, Trompeter Matthias Schriefl, die Saxofonisten Frank Speer und Tilman Ehrhorn sowie Drummer John Schröder ein Stelldichein.

Wograms Ansatz auf „Complete Soul“ hebt sich deutlich von dem bei seinen anderen Projekten ab. Normalerweise schreibt er seinen Mitspielern die Parts in die Instrumente. Diesmal hatte er eher einen komplexen Gesamtsound im Kopf, der sich wie eine Orgel aus vielen Hörnern zusammensetzt, und suchte dann die Leute, die diesen Sound mit ihrer Persönlichkeit ausfüllen können. 

Als Klangideal schwebte Nils Wogram der Sound von Miles Davis´ Klassiker „Birth Of The Cool“ vor. Nicht im stilistisch epigonalen Sinn, sondern in der Übertragung eines gemeinschaftlichen, bedeckten Bläserklanges, der von Top-Solisten getragen wird. Die so erreichte angedeutete Zurückhaltung der an dieser Produktion Beteiligten ist umso erstaunlicher, als es sich hier um Protagonisten handelt, die das Erscheinungsbild des deutschen Jazz durch ihr Spiel und Auftreten derzeit maßgeblich prägen. Musiker, die man wiedererkennt, die man in jedem Kontext als sie selbst wahrnimmt. Auch diesen Umstand hat „Complete Soul“ mit „Birth Of The Cool“ gemein. Wogram bildet mit diesen Alpha-Figuren des zeitgenössischen Jazz ein perfektes Kammerensemble.

_MG_0884

Aber herausgekommen ist keine Posaunen-Platte mit angereicherter Bläserbegleitung. Der Leader tritt hier dermaßen weit in den Hintergrund, dass man gelegentlich vergessen kann, wer überhaupt Posaune spielt. Er ist in erster Linie Komponist und Klangorganisator. Das unterscheidet das Septett von Wograms anderen Projekten. Ihm geht es um den gegenseitigen Respekt unter den Beteiligten. Er sucht nach einer entspannten Selbstverständlichkeit, die den permanenten hierarchischen und merkantilen Wettbewerb, der den Jazz zuweilen so überfrachtet, hinter sich lässt. Es geht darum, die Musik als Ganzes wahrzunehmen. Wir dürfen „Complete Soul“ ohne falsche Scham ein großes Album nennen. Es ist ein gewichtiger Schritt im Schaffen eines der vielseitigsten und produktivsten deutschen Jazzmusikers und schließt zugleich an eine Tradition an, die dem europäischen Jazz schon einmal weite Pforten öffnete. Vor allem aber ist es ein wunderschönes, leichtes und doch tiefgehendes Stück Musik, das gehört und wiedergehört werden will. 

stern_gr

 

Eine kurze Biographie

Nils Wogram (geb. 1972 in Braunschweig) begann im Alter von 15 Jahren Posaune zu spielen. Dabei genoss er gleichzeitig eine klassische und Jazz-Ausbildung. Bereits im Alter von 16 Jahren war er Mitglied des Bundesjugendjazzorchesters, gründete eigene Bands und gewann Preise bei Jugend musiziert. Von 1992 bis1994 studierte er in New York und schloss seine Ausbildung 1999 an der Musikhochschule Köln ab. Seit dieser Zeit hat Nils Wogram über 30 Alben unter seinem Namen veröffentlicht.

Im Jahre 2010 gründete Nils Wogram sein eigenes Label nwog-records auf dem er seine Alben veröffentlicht. Nils Wograms Bands spielen ausschliesslich Eigenkompositionen. Häufig bekommt er auch Auftragskompositionen anderer Ensembles.

Einige von Nils Wograms Lehrern: Reinhard Feldmann, Arnie Lawrence, Buster Williams, Steve Turre, Jimmy Knepper, Conrad Herwig, Slide Hampton, Kenny Werner, Maria Schneider, Richie Beirach, Jiggs Whigham , Ed Neumeister.

Einige Preise und Stipendien: mehrmaliger Preisträger bei Jugend musiziert – Jazzpreise des : SWR , Norrhein Westphalen, Stadt Köln, Abendzeitung München, Julius Hemphil Competition , Frank Rosolino Competition, Jazz Ost West Nürnberg, GEMA Preis für Jazz Komposition, BMW Jazz Award, Jazzpott, Jazz Echo, Albert Mangelsdorff Preis 2013.