Wood & Steel Trio

Wood & Steel Trio

Wood Steel 3 kl-filtered

ROLAND NEFFE   marimba / vibraphone

CHRISTIAN KÖGEL dobro steel guitar

MARC MUELLBAUER double bass

„REINES OHRENGOLD“

Tom R. Schulz

ALCHEMIE ZU DRITT

Zum Album „Secret Ingredient“ des Wood & Steel Trio (von Tom R. Schulz)

Im Jazz ist das Trio so allgegenwärtig und idiomatisch wie das Streichquartett in der Klassik. Und die allermeisten Trios im Jazz bestehen aus Klavier, Bass und Schlagzeug. Royalisten nennen das Klaviertrio die Königsdisziplin des Jazz. In dieser Besetzung entsteht schon seit einer gefühlten Ewigkeit grandios viel unterschiedliche, manchmal Welten voneinander entfernt liegende Musik. Dabei ist es ebenso erstaunlich wie beeindruckend, mit welchem Erfindungsreichtum sich die Musiker immer noch und immer wieder am stets gleichen Basisklangbild abarbeiten; Klaviertrio eben.

Auch die drei Berliner Musiker Roland Neffe, Christian Kögel und Marc Muellbauer präsentieren auf „Secret Ingredient“ lupenreinen Trio-Jazz. Allerdings in ganz eigener und sofort vollkommen unverwechselbarer Klanglichkeit. Kein Schlagzeug, kein Klavier – statt dessen Dobro und Marimba beziehungsweise Vibrafon. Nur der Bass, unverzichtbar für Bauch und Füße nahezu aller Musik, hält auch im Wood & Steel Trio den Laden zusammen, hinter dessen zugezogenen, ausgebleichten Vorhängen offenbar an einer neuen Formel des freien, dabei eng aufeinander bezogenen Spiels dreier Musiker geforscht wird.  Derlei Spekulationen nährt zumindest das Coverfoto von „Secret Ingredient“, dem Debütalbum dieses wunderbaren Trios. Im Booklet reproduzierte fotografische Einblicke ins Innere der Werkstatt zeigen: Eine Geheimzutat dieser Band scheint schon mal ihr in vielen überraschenden Farben schimmerndes Instrumentarium selbst zu sein.

Nun sind Holz und Stahl – die beiden Materialien, die der Name des Trios benennt – ja auch die Kernmaterialien für fast alle anderen Instrumente. Aber Neffe, Kögel und Muellbauer treiben den Stoff, aus dem sie ihre Klänge zaubern, schön extremistisch auf die Spitze. So spielt Christian Kögel alle Stücke ausschließlich auf der Dobro, einer Sonderform der Gitarre. Sie produziert den metallischsten Klang, den die Welt je von einem Saiteninstrument gehört hat. Denn nicht nur die Saiten sind aus Stahl, auch der Korpus seines Instruments ist aus Metall. Das schwingt anders als Holz, mit sehr eigentümlichen Resonanzen. Sound und Aussehen der Dobro lassen an Country & Western denken, an die Weite der Prärie. In Kögels wunderbar fließenden Linien schwingen diese Assoziationen mit, ein gelegentliches, sachtes Twäng, bei dem von weit her die Pedal Steel Guitar grüßt. Doch Kögel hat sich das Instrument wirklich zu eigen gemacht. Er spielt es sehr gitarristisch und entlockt dem Instrument zwischen raschen, akkordischen Tremoli und erstaunlich lang gehaltenen einzelnen Tönen eine enorme Bandbreite an Klängen.

Die Kombination aus Gitarre und Vibrafon kennt im Jazz manche Vorläufer. Man denkt an den gemeinsamen Sound von Dave Pike und Volker Kriegel oder an die Duo-Poesie von Ralph Towner und Gary Burton. Mit solcherart vorgeprägten Ohren gehört, scheint die Musik des Wood & Steel Trios um eine sanft verdrehte Achse zu rotieren; die Gitarre ist eben keine Holzgitarre, sondern klingt metallisch rein, und das stählerne Glitzern des Vibrafons, dessen mal perkussiven, mal sphärischen Glockenklang, setzt Neffe erst in zweiter Linie ein. Vorrang hat in seinem Spiel die Marimba, die weiche, hölzerne, etwas dumpfer und geheimnisvoller klingende Schwester des Vibrafons. Holz und Stahl erscheinen also beim Wood & Steel Trio in ihren herkömmlichen Charakteristika vertauscht. Womöglich eine weitere Geheimzutat.

Und Roland Neffe legt auf seinen gleichermaßen perkussiv wie harmonisch wie melodisch spielbaren Instrumenten immer neue Fährten aus. Sein Umgang mit den Mallets ist frei von allem Mechanischen. Es klingt, als führe er die Filzschlägel vollkommen intuitiv. Sein Sound hat eine solche Ausdrucksvielfalt, dass man leicht vergisst, dass das Instrument weit weg vom Körper gespielt wird und weder Finger noch Atem unmittelbar an der Tonerzeugung beteiligt sind. Auch in den leisen Passagen bleibt Neffes Spiel sehr plastisch und lenkt mit seinen feinen Konturen das aufmerksame Hören auf sich.

In seiner zeitgemäßen Geometrie erscheint das Trio als gleichseitiges Dreieck. Die Kanten sind gleich lang, jeder der drei Winkel beträgt 60 Grad. In Musik übersetzt bedeutet das: Jeder der drei Spieler hat den gleichen Anteil am Entstehen und Gelingen der Musik. Der Kontrabass, dessen von vibrierendem Holz umschlossener Hohlkörper schwingende Saiten aus Stahl zum Klingen bringt, ist beim Wood & Steel Trio das einzige Instrument, das beide Elemente in sich vereint, Holz und Stahl. Marc Muellbauer aber weist seinem Bass eine viel wichtigere Rolle zu als nur die des integrativen, versöhnlichen Parts, des erdenden Elements bei den Höhenflügen der Kollegen. Er wandelt selbst aufs schönste unberechenbar seine Gestalt, ist mal mächtige Pumpe, mal Sänger, mal in knappen Notenwerten flüsternd unterwegs, dann wieder unbestechliches Metronom der gern in ungeraden Unterteilungen organisierten Musik.

Das übrigens gehört zu den abgefeimten Großartigkeiten des Wood & Steel Trios: Wie es seine rhythmisch manchmal verflucht ausgetüftelte Musik – bei der man zum Beispiel lernen kann, dass auch neun plus sieben, genauer: vier plus fünf plus drei plus vier unschuldige 16 ergeben, also, wenn man so will, einen Vierertakt – in einen scheinbar organischen Flow bettet. Dank ihres souverän beherrschten Handwerks und ihres wahrhaft königlichen Zusammenspiels können die drei ihre Musik in den diffizil angelegten Kanälen krummer Taktarten so dahinrauschen lassen, als sei ihr Ausgedachtes hinabschießendes Wildwasser in einem Bergbach.

Ein Letztes noch: Hörer des Wood & Steel Trios werden zu Mitwissern eines alchemistischen Vorgangs. Auf der kleinen Bildstrecke zum Album gibt sich die Band betont (klein-)industriell arbeitsam. Dass ihr Tun das Ergebnis von guter Arbeit ist, also das Resultat der Reduktion des Möglichen auf das Notwendige, sei ihnen unbenommen. Beim Hören aber wird klar: Dies ehrliche, beinahe proletarische Beharren auf Holz, Stahl und Tränen ist nur die Vorderseite.

Das eigentliche „Secret Ingredient“ dieser Musik ist, dass die drei aus dem schönen Lehm der Materie etwas gewonnen haben, das selten ist und kostbar und immateriell und das doch die Begehrlichkeit des Publikums besser zu nähren vermag als alles andere: Reines Ohrengold.

Wood Steel m-filtered

 

MICHAEL SCHIEFEL und WOOD & STEEL TRIO spielen Hanns Eislers „Hollywood Liederbuch“

Musikalische Tagebucheinträge im buchstäblichen Sinn sind diese Miniaturen, die Eisler im Exil in Hollywood geschrieben hat – nach Texten von Brecht, Hölderlin Pascal und – Eisler. Es sind kurze, eindringliche Lieder von einer intimen Direktheit, die vom Leben auf der Flucht und in der Emigration handeln („Hotelzimmer 1942“, „Der Frühling“, „Die Flucht)“. Ein Leben, das Eisler bis vor das House Un-American Activities Committee zerrte und letzten Endes wieder nach Europa trieb („Nightmare“ – im Autograph heißt es noch „The Hearing – a Nightmare“).
Diese 75 Jahre alte Lieder haben nichts von Ihrer Brisanz eingebüßt und klingen heute verstörend aktuell.

Das Wood & Steel Trio und Michael Schiefel vereinen einen respektvollen Umgang mit dieser großartigen Musik mit frei-assoziativen Improvisationen. Durch die Umsetzung der Klaviervorlage mit Marimba-, Vibraphon, Dobro (Akustische Resonator-Gitarre) und Kontrabass, treten die Farben in Eislers Musik wie in einem Holzschnitt plastisch hervor und bieten dem einzigartigen Michael Schiefel eine provokante Spielwiese für seine Textdeutung.

Hanns Eisler zehn Jahre nach seiner Rückkehr aus dem Amerikanischen Exil: „Ich schrieb damals – ich habe den Titel übrigens fallenlassen – wirklich ein ‚Hollywooder Liederbuch‘. Das heißt, ich schreib fast jeden Tag zumindest ein Lied – manchmal auch mehr – entweder nach einem Text von Brecht oder nach Hölderlin (…) oder andere Sachen, zum Beispiel nach Pascal. Und auf die große Mappe schrieb ich drauf ‚Hollywooder Liederbuch‘ oder vielleicht auch ‚Hollywooder Tagebuch‘ (daran erinnere ich mich nicht) – Und sagte: „Das ist so mein Zeitvertreib; das ist, was ich neben der Arbeit mache.“

wst_mg_6107_c_stefanie_marcus_kl

Angezogen von der dort neu entstehenden Jazzszene zog Michael Schiefel Anfang der neunziger Jahre nach Berlin. Seitdem begeistert er mit seinen verschiedenen Solo- und Bandprojekten Jazzfans im In- und Ausland. Ob Funk und Pop mit JazzIndeed, Modern Jazz mit David Friedman, Big Band mitThärichens Tentett oder Balkan-Jazz mit dem deutsch-bulgarischen Quintett Batoru — in jedem Fall kann der Hörer Michaels vielseitige Stimme immer neu entdecken. Wenn Michael nicht gerade als Professor für Jazzgesang in Weimar anstrebende Künstler unterrichtet, begegnet man ihm auf Konzerten und Festivals in aller Welt. Neben zahlreichen Auftritten in Deutschland ist Michael – unter anderem als Gastkünstler des Goethe-Instituts – in Europa, Amerika, Asien und Afrika unterwegs.

Roland Neffe wurde 1970 in Graz/Österreich geboren und lebt seit 1995 in Berlin.

Er studierte sowohl klassisches Schlagwerk als auch Jazzvibraphon bei Gary Burton am Berklee College of Musik/Boston sowie an der HdK/Berlin bei David Friedman.

Als musikalischer Grenzgänger hat er sich einen Namen gemacht: gleichermaßen im Jazz wie auch in der Neuen Musik zuhause, „sprengt (er) die Klangerwartungen“ (Jazzpodium) und ist mit seinem eindrucksvollen Spiel gern gebuchter Gast auf den verschiedensten Festivals im In- und Ausland.

Christian Kögel, geboren 1967, lebt seit 1990 in Berlin und gründete im selben Jahr sein eigenes Trio, mit dem er mehrere Jazzpreise in Deutschland gewann. Nach seinem Studium der klassischen Gitarre und Stromgitarre an der HdK/Berlin lernte er Oud und traditionelle arabische Musik bei dem syrischen Oud-Virtuosen Farhan Sabbagh.

Er musiziert und produziert im Spannungsfeld zwischen Jazz, Singer/Songwriter, Kammermusik und traditioneller arabischer und afghanischer Musik, als Mitglied diverser Bands (flexkögel, Mattar 4, Lauer Large, Marc Muellbauers Kaleidoscope, Jazzanova live u.a.). Das lyrische Spiel des emfindsamen Klangästheten führte ihn auf Tourneen beispielsweise in die USA, Kanada (wo er in Halifax Dozent an der Dalhousie University ist), nach Russland und Afghanistan.

Bassist Marc Muellbauer, 1969 in London geboren, spielt seit 17 Jahren im Julia Hülsmann Trio und leitet seine eigene neunköpfige Band Kaleidoscope. Sein musikalischer Background reicht von Neuer Musik bis zum argentinischen Tango, er ist außerdem in einer Reihe von weiteren Jazzbands als Sideman aktiv, darunter das Lisbeth Quartett und das Uli Kempendorff Quartett.

Muellbauer lehrt Kontrabass am Jazzinstitut Berlin.

(…) Wohlklang als Aufforderung zum Innehalten, zur Kontemplation. Das heißt nicht, dass die Musik des Wood&Steel Trios einlullt, die Wirklichkeit mit Zuckerguß übertüncht, vielmehr wird musikalisch deutlich gemacht, dass auch Dissonanz Bestandteil von Harmonie ist. Alle drei Musiker (…) sind in sehr unterschiedlichen Szenen zuhause und aktiv. Im Wood&Steel Trio fließen all diese Erfahrungen auf völlig organische Weise zusammen und ineinander.

Es geht nicht um Clashs, nicht um Brüche, es geht (…) um Klang, um Klänge, die nicht nur unsere Hörnerven erreichen, sondern zu berühren vermögen..

-ULF DRECHSEL, RBB-

Egal ob gegenläufig oder harmonierend, das Trio agiert in selbstverständlich wirkendem Einvernehmen. Und spielt so nicht nur leise vertrackten Kammerjazz mit unaufdringlichen Americana-Anleihen; Welmusik und Klassik („Notturno“) hinterlassen ebenfalls ihre Spuren. Fazit: (…) Das trifft die Gemengelage des wohlklingenden Albums ziemlich gut. Von der Klassik ein wenig Strenge, aus Skandinavien das Nachdenkliche, träumerisch Herumtändelnde und die flirrende Road-Movie-Atmosphäre während der Fahrt auf einem Lost Highway.

-JOCHEN KÖNIG, MUSIKREVIEWS.DE-

(…) und die eigentliche Überraschung des Abends: der Gitarrist Christian Kögel. Sein Chorusspiel ist ein Genuss, der sich aus virtuoser Akkordarbeit und atemberaubender Intensität speist. (…) Hoher Anspruch im Meisterformat!“

-WEIMARER PRESSE-

Bassist und Grenzgänger: Marc Muellbauer (…) gehört zu den Kontrabassisten mit Band- und Sound-Konzept, denen Transparenz und klangliche Eigenwilligkeit wichtig sind, ganz egal, ob sie dabei in spröde E-Musik- oder in folkloristisch angehauchte Schönklang-Sphären vorstoßen.

-GITARRE & BASS-